Im Gespräch wirbst auch du um ihn
Früher saß der Bewerber vor dem Chef und musste sich beweisen. Heute prüft ein guter Geselle dich genauso wie du ihn. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat im Sommer 2024 Betriebe aller Branchen befragt, für das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA). 37,7 Prozent hatten Absagen von Bewerbern, die ein anderes Angebot gewählt hatten. Mehr als jeder dritte Betrieb hat also schon einmal jemanden verloren, den er eigentlich wollte.
Das heißt nicht, dass du betteln sollst. Es heißt, dass du vorbereitet sein musst. Manche Fachkräfte haben gar nicht gesucht, etwa bei Social Recruiting oder Direktansprache. Dann sitzt dir jemand gegenüber, der nichts muss. Er will wissen, was bei dir besser ist als dort, wo er gerade ist.
- Lohn: Nenn eine Zahl oder eine Spanne. Wer ausweicht, wirkt, als hätte er etwas zu verbergen.
- Arbeitszeit und Notdienst: Wann geht es los, wann ist Feierabend? Wie oft Bereitschaft, und wie wird sie bezahlt?
- Wege: Wo liegen die Baustellen? Wagen zum Mitnehmen nach Hause?
- Team: Mit wem arbeitet er? Feste Kolonne oder jeden Tag andere Kollegen?
- Perspektive: Was kann er in zwei Jahren bei dir machen, was er heute nicht macht?
So baust du eine Stunde auf
Zehn Minuten Begrüßung und Betrieb vorstellen. Dreißig Minuten Fragen an den Bewerber. Zehn Minuten seine Fragen an dich. Zehn Minuten Rundgang durch Werkstatt und Fahrzeuge. Am Ende sagst du, wie es weitergeht und bis wann er von dir hört. Und dann meldest du dich auch bis dahin.

20 Fragen, die zeigen, was jemand kann
Die Fragen sind nach vier Bereichen sortiert. Du musst nicht alle stellen. Nimm aus jedem Bereich drei oder vier und stell sie jedem Bewerber für dieselbe Stelle gleich. Nur dann kannst du hinterher vergleichen. Hinter jeder Frage steht, worauf du achten solltest.
Fachlich: Was weiß er?
- „Erklär mir Schritt für Schritt, wie du bei einer typischen Arbeit vorgehst.“ Achte darauf, ob er die Reihenfolge sicher kennt. Und ob er Prüfschritte von selbst nennt.
- „Mit welchen Geräten, Maschinen oder Herstellern hast du zuletzt gearbeitet?“ Konkrete Namen und Typen sprechen für echte Erfahrung.
- „Welche Scheine und Prüfungen hast du, und wann hast du sie zuletzt aufgefrischt?“ Lass dir die Nachweise zeigen.
- „Was hast du in den letzten zwei Jahren dazugelernt?“ Wer nichts nennen kann, wird auch bei dir wenig dazulernen wollen.
- „Welche Arbeit machst du nicht gern, und warum?“ Ehrliche Antworten sind hier mehr wert als die perfekte.
Praktisch: Was macht er, wenn es nicht nach Plan läuft?
- „Erzähl mir von einem Fehler, den du gesucht hast und der schwer zu finden war. Wie bist du vorgegangen?“ Achte auf eine nachvollziehbare Fehlersuche statt auf Glück.
- „Du kommst auf die Baustelle, und das Material fehlt. Was machst du?“ Gute Antworten enthalten: anrufen, umplanen, etwas anderes vorziehen.
- „Ein Kunde ist sauer, weil es länger dauert als versprochen. Was sagst du ihm?“ Wichtig im Kundendienst: ruhig bleiben, erklären, den Betrieb informieren.
- „Wann hast du zuletzt eine Arbeit abgebrochen, weil sie nicht sicher war?“ Wer nie abbricht, nimmt Sicherheit vielleicht nicht ernst.
- „Wie viel Arbeit hast du bisher allein erledigt, ohne Vorarbeiter vor Ort?“ Das zeigt, ob er eine Baustelle oder einen Kundentermin allein schafft.
Motivation: Warum will er wechseln?
- „Was müsste bei deinem jetzigen Betrieb anders sein, damit du bleibst?“ Die Antwort sagt dir, was du bieten musst. Und was du besser nicht versprichst.
- „Was hat dich an unserem Betrieb neugierig gemacht?“ Hat er sich vorher informiert?
- „Wo willst du in drei Jahren stehen?“ Obermonteur, Meister, Kundendienst, Bauleitung oder einfach gute Arbeit in Ruhe. Alles ist in Ordnung, wenn es zu dir passt.
- „Was war dein bester Chef, und was hat er anders gemacht?“ Zeigt, welche Führung er braucht.
- „Woran merkst du nach drei Monaten, dass der Wechsel richtig war?“ Damit sagt er dir, woran er dich messen wird.
Rahmen: Passt es im Alltag?
- „Wann könntest du anfangen, und welche Kündigungsfrist hast du?“ Plan danach, nicht nach Wunsch. Mehr dazu im Glossar unter Kündigungsfrist.
- „Wie weit ist für dich ein normaler Weg zur Baustelle?“ Lieber jetzt klären als nach drei Wochen Montage.
- „Bei uns gehört Bereitschaft an jedem vierten Wochenende dazu. Passt das für dich?“ Beschreib den Rahmen der Stelle. Frag dann, ob er ihn erfüllen kann.
- „Hast du einen Führerschein der Klasse, die du für unsere Fahrzeuge brauchst?“ Bei Anhängern und größeren Transportern schnell vergessen.
- „Welcher Lohn wäre für dich ein Grund zu wechseln?“ Besser im Gespräch als nach der Zusage.
Fragen, die du nicht stellen darfst
Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) schützt nicht erst Mitarbeiter, sondern schon Bewerber. Bewerber gelten nach § 6 Abs. 1 AGG als Beschäftigte. Niemand darf benachteiligt werden wegen ethnischer Herkunft, Geschlecht, Religion oder Weltanschauung. Das gilt auch für Behinderung, Alter und sexuelle Identität (§§ 1 und 7 AGG). Fragst du nach diesen Dingen und lehnst den Bewerber dann ab, machst du dich angreifbar. Das gilt auch, wenn die Absage einen ganz anderen Grund hatte.
- Nicht fragen: Bist du schwanger? Planst du Kinder? Wer passt auf die Kinder auf?
- Nicht fragen: Woher kommst du ursprünglich? Welche Religion hast du?
- Nicht fragen: Bist du verheiratet? Hast du einen Partner?
- Nicht fragen: Wie alt bist du eigentlich? Bist du nicht zu alt für das Dach?
- Nicht fragen nach Krankheiten oder Behinderungen allgemein.
Was du stattdessen tust: Beschreib die Anforderungen der Stelle und frag, ob der Bewerber sie erfüllen kann. „Die Arbeit ist auf dem Gerüst und bei jedem Wetter. Passt das für dich?“ ist eine Frage nach der Stelle, nicht nach der Person. Wer benachteiligt wurde, kann eine Entschädigung verlangen. Wäre er auch ohne Benachteiligung nicht eingestellt worden, ist sie auf drei Monatsgehälter begrenzt (§ 15 Abs. 2 AGG). Er muss den Anspruch innerhalb von zwei Monaten nach Zugang der Absage schriftlich geltend machen (§ 15 Abs. 4 AGG). Das ist keine Rechtsberatung. Im Zweifel frag bei deiner Handwerkskammer nach.
Schreib mit
Notier nach jedem Gespräch, warum du dich für oder gegen jemanden entschieden hast. Begründe es mit der Stelle. Der Bewertungsbogen unten ist genau dafür gedacht.
Probearbeiten richtig organisieren
Ein Tag auf der Baustelle zeigt mehr als jedes Gespräch, für beide Seiten. Der Bewerber sieht deine Leute, deine Fahrzeuge und deine Art zu arbeiten. Du siehst, wie er mit Werkzeug umgeht und ob er ins Team passt. Damit das kein unbezahlter Arbeitstag wird, gibt es Regeln.
Die Handwerkskammer zu Köln sagt im Handwerksblatt: Unverbindliches Probearbeiten ist grundsätzlich kein reguläres Arbeitsverhältnis. Es muss freiwillig sein. Und es gibt keine Vorgaben zu Arbeitszeit, Pausen, Arbeitsabläufen und Ausführung. Der Bewerber darf keine betrieblichen Arbeiten selbstständig und allein erledigen. Es sollte auf einige Tage beschränkt bleiben, höchstens eine Woche. Vereinbarst du eine Aufwandsentschädigung, etwa für die Fahrt, halte sie schriftlich fest. Nenn sie auch so. Verletzt sich der Bewerber, greift grundsätzlich die gesetzliche Unfallversicherung. Das ist keine Rechtsberatung. Wenn du mehr als einen Tag planst, sprich vorher mit deiner Kammer.
- Einen Tag vorher sagen, wann und wo er sein soll, was er anziehen und mitbringen soll.
- Einen festen Begleiter benennen, am besten den späteren Paten.
- Arbeiten zum Zuschauen, Erklären und Mitmachen unter Anleitung aussuchen. Nicht die eilige Baustelle, auf der er allein einen Strang verlegen soll.
- Schutzausrüstung stellen und vor Beginn kurz einweisen.
- Am Ende des Tages zehn Minuten reden: Wie war es für ihn? Was ist dir aufgefallen?
- Den Begleiter getrennt fragen. Er hat den ganzen Tag gesehen, du nur Ausschnitte.
Bewertungsbogen
Ein Bogen zwingt dich, alle Bewerber nach denselben Punkten zu bewerten. Ohne ihn gewinnt der Sympathischste, nicht der Beste. Füll ihn direkt nach dem Gespräch aus, nicht am Abend. Bewerte von 1 (passt nicht) bis 4 (passt sehr gut).
| Bereich | Woran du es erkennst | Bewertung |
|---|---|---|
| Fachwissen | erklärt Abläufe sicher, nennt Prüfschritte, kennt Geräte und Normen | 1 · 2 · 3 · 4 |
| Praxis und Fehlersuche | beschreibt echte Fälle nachvollziehbar, nicht nur Lehrbuch | 1 · 2 · 3 · 4 |
| Selbstständigkeit | hat Baustellen oder Kundentermine allein geschafft, weiß, wann er fragen muss | 1 · 2 · 3 · 4 |
| Sicherheit | nennt Schutzmaßnahmen von selbst, bricht unsichere Arbeit ab | 1 · 2 · 3 · 4 |
| Umgang mit Kunden | ruhig, verständlich, hält den Betrieb auf dem Laufenden | 1 · 2 · 3 · 4 |
| Teamfähigkeit | beim Probearbeiten: fragt, hilft, redet mit den Kollegen | 1 · 2 · 3 · 4 |
| Motivation | klarer Grund für den Wechsel, der zu deinem Betrieb passt | 1 · 2 · 3 · 4 |
| Rahmen | Arbeitszeit, Bereitschaft, Wege, Startdatum und Lohnvorstellung passen | 1 · 2 · 3 · 4 |
| Eindruck des Begleiters | würde gern mit ihm arbeiten | 1 · 2 · 3 · 4 |
Leg vorher fest, welche Bereiche für diese Stelle Pflicht sind. Bei einem Kundendienstmonteur zählen Selbstständigkeit und Umgang mit Kunden doppelt. Bei einem Helfer im Rohbau eher Teamfähigkeit und Sicherheit. Wer in einem Pflichtbereich eine 1 hat, wird nicht eingestellt, egal wie gut der Rest ist.
Typische Fehler im Bewerbungsgespräch
- Zu spät melden. Wartest du eine Woche mit dem Rückruf, hat er vielleicht schon woanders unterschrieben. Sag im Gespräch, bis wann du dich meldest, und halte es ein.
- Nur selbst reden. Wer eine halbe Stunde vom eigenen Betrieb erzählt, erfährt nichts über den Bewerber. Faustregel: Er redet mehr als du.
- Die Stelle schönreden. Wer den Notdienst verschweigt, bekommt die Kündigung in der Probezeit. Was in den ersten Wochen nach der Zusage wichtig ist, steht im Ratgeber Onboarding im Handwerk.
- Aus Not einstellen. Wenn du nach dem Gespräch schon weißt, dass er die Probezeit nicht übersteht, stell ihn nicht ein. Eine offene Stelle ist ärgerlich, eine falsch besetzte kostet mehr.
- Kein zweiter Blick. Lass einen erfahrenen Mitarbeiter beim Gespräch oder beim Probearbeiten dabei sein. Vier Augen sehen mehr, und dein Team fühlt sich einbezogen.
Kommen gar keine Bewerbungen, liegt die Herausforderung früher. Welche Wege es zu neuen Leuten gibt, steht im Ratgeber Mitarbeiter finden im Handwerk. Rheinwerk Personal spricht Fachkräfte an, die gerade nicht suchen. Wir führen das erste Gespräch mit ihnen, bevor du sie kennenlernst. Ob das für deine Stelle passt, klären wir kostenlos und unverbindlich: Jetzt Mitarbeiter finden.
Häufige Fragen
Wie lange sollte ein Bewerbungsgespräch im Handwerk dauern?
Etwa eine Stunde mit Rundgang durch Werkstatt und Fahrzeuge. Kürzer bringt kaum mehr als den ersten Eindruck. Länger ermüdet beide Seiten. Wenn es passt, folgt ein Tag Probearbeit.
Muss ich Probearbeit bezahlen?
Laut Handwerkskammer zu Köln ist unverbindliches Probearbeiten grundsätzlich kein Arbeitsverhältnis und löst keinen Lohnanspruch aus. Es muss freiwillig sein, ohne Vorgaben zu Arbeitszeit und Ablauf, und der Bewerber erledigt keine betrieblichen Arbeiten allein. Eine Aufwandsentschädigung für die Fahrt ist möglich, schriftlich festgehalten. Das ist keine Rechtsberatung.
Darf ich nach dem Alter fragen, wenn die Arbeit körperlich schwer ist?
Frag nicht nach dem Alter, sondern nach der Anforderung: „Die Arbeit ist überwiegend auf dem Dach, bei jedem Wetter. Kannst du das?“ Das Alter gehört zu den Merkmalen, wegen derer niemand benachteiligt werden darf (§ 1 AGG). Das ist keine Rechtsberatung.
Was mache ich, wenn zwei Bewerber gleich gut sind?
Schau auf den Bewertungsbogen und die Pflichtbereiche der Stelle. Hilft das nicht, frag deinen Begleiter vom Probearbeiten, mit wem er lieber arbeiten würde. Und prüf, ob du nicht beide brauchen kannst, denn gute Leute sind selten.
Quellen
Jede Zahl auf dieser Seite hat eine Quelle. Hier steht, welche, mit Stand.
- Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz § 1: Ziel des Gesetzes, Stand 13.10.2026
- Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz § 6: Persönlicher Anwendungsbereich, Stand 13.10.2026
- Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz § 7: Benachteiligungsverbot, Stand 13.10.2026
- Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz § 15: Entschädigung und Schadensersatz, Stand 13.10.2026
- Handwerksblatt: Probearbeit, das müssen Betriebe beachten (Auskunft der Handwerkskammer zu Köln), Stand 22.06.2023
- KOFA Studie 4/2025: Fachkräfte finden und binden (Institut der deutschen Wirtschaft), Abbildung 2, Stand 13.10.2026

